„Jedes Kind hat ein Recht, als Individuum und eigene Persönlichkeit gesehen und behandelt zu werden“

- Michael Scheuer, der Leiter der Jugendhilfe Marienhausen, in den Ruhestand verabschiedet

 

- 43 Jahre waren die Belange der Kinder und Jugendlichen sein großes Anliegen

 

 

Rüdesheim, den 1. Juli 2020.- Eine große Feier war geplant, um Michael Scheuer, den langjährigen Leiter der Jugendhilfe Marienhausen, in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden, Doch auch diese Planungen machte Corona zunichte und es gab stattdessen nur eine Zusammenkunft im kleinen Rahmen, um dem 63jährigen „Auf Wiedersehen“ zu sagen, „Sie haben die Jugendhilfe Marienhausen geprägt und über den Rheingau-Taunus-Kreis hinaus bekannt gemacht“, würdigte Dr. Caspar Söling, der Sprecher der Geschäftsführung des Sankt Vincenzstiftes, Träger der Jugendhilfe Marienhausen, den am 30. Juni ausgeschiedenen Leiter. „Mit Ihrem Arbeitsweg verbunden ist die rasante Entwicklung vom ‚Jugendheim Marienhausen‘ zu einer dezentral und differenziert arbeitenden ‚Jugendhilfe Marienhausen‘.“

 

Angefangen habe alles am 1. März 1977, als Michael Scheuer als Vorpraktikant und Zivi in die Jugendhilfe Marienhausen kam. „Träger war damals noch der Orden der Salesianer Don Boscos, und der Ortsteil Aulhausen gehörte damals noch zu Assmannshausen“, erinnerte Dr. Söling an die Anfangsjahre. „Nach einem Zwischenaufenthalt in Ihrer saarländischen Heimat kehrten Sie 1984 als ausgebildeter Jugend- und Heimerzieher nach Marienhausen zurück und waren bis 1992 als Gruppenleiter tätig. In dieser Zeit studierten Sie parallel Sozialpädagogik an der katholischen Fachhochschule Mainz und bauten sehr erfolgreich den „Sport als Medium der Sozialpädagogischen Arbeit“ aus. Ihr gleichnamiger Beitrag in der damaligen Festschrift Marienhausen zeigte Sie als engagierten Handballer und Förderer des Skateboardsports.“

 

 

1991, nach dem Trägerwechsel von den Salesianern zur Stiftung Sankt Vincenzstift, wurde Michael Scheuer stellvertretender Heimleiter und übernahm 1992 zunächst kommissarisch, 1993 offiziell die Heimleitung. „Seitdem hat sich die Einrichtung von 36 auf zeitweise 110 Plätze vergrößert, der heutige Stand liegt bei 91 Plätzen plus 2 Plätze für Inobhutnahmen“, fasste der Sprecher der Geschäftsführung die Leistung Michael Scheuers in Zahlen zusammen. „Neben der strukturellen Erneuerung haben Sie  mit dem Konzept der Pädagogischen Präsenz erfolgreich auch eine pädagogische Erneuerung initiiert und umgesetzt, ein Konzept, das heute zahlreiche andere Jugendhilfeeinrichtungen übernommen haben. Gleichzeitig gelang es Ihnen, die wirtschaftliche Situation der Jugendhilfe Marienhausen nachhaltig zu stabilisieren“ dankte Dr. Caspar Söling dem langjährigen Leiter der Jugendhilfe Marienhausen.

 

 

„Sie haben die Jugendhilfe Marienhausen ganz im Sinne ihres Gründers Matthäus Müller geleitet. Dem Geist der christlichen Pädagogik Don Boscos fühlen Sie sich dabei bis heute verpflichtet: Mit Humor und Gottvertrauen, mit großem Engagement und Verlässlichkeit, mit aus Lebenserfahrung gespeister Coolness und großer Wachheit und Aufmerksamkeit gegenüber den Betreuten, aber auch gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Nur so konnte es Ihnen gelingen, das „Jugendheim Marienhausen“ zur modernen „Jugendhilfe Marienhausen“ zu entwickeln. Dafür danken wir Ihnen von Herzen. Unser Dank gilt auch Ihrer Frau Elisabeth, die Ihnen all die Jahre mit Rat und Tat zur Seite steht und uns weiterhin in der Jugendhilfe Marienhausen erhalten bleibt. Wir wünschen Ihnen Gottes Segen“, verabschiedete Dr. Söling den bisherigen Leiter auch im Namen seiner Geschäftsführerkollegen Jolante Greger und Andreas Sipf.

 

„Ich verlasse die Jugendhilfe mit den berühmten zwei Herzen in meiner Brust“, so Michael Scheuer. „Es ist gut, weil die Belastungen der vergangenen Jahre auch Einfluss auf meine Gesundheit hatten. Andererseits lag mir die Arbeit in Marienhausen immer besonders am Herzen – in Bezug auf die Kinder, Eltern, Mitarbeiter, das Jugendamt und alle weiteren Kooperationspartner.“ Insgesamt sei er in den vergangenen 43 Jahren in Marienhausen für rund 1.000 Kinder verantwortlich gewesen. „Wobei mein Einfluss dabei nicht so groß war. Maßgeblich war für mich, immer an die Stärke der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu glauben und ihnen zu vertrauen. Statt ihnen Vorgaben zu machen, war es mir wichtiger, sie zu leiten und Orientierung zu geben und mit Ihnen gemeinsam Dinge zu entwickeln und umzusetzen. Ich denke, dass ich das für mich entwickelte Leitungs- und Führungsbild dadurch gut umsetzen konnte.“

 

Dennoch sei die wichtigste Aufgabe stets die Begleitung der Kinder und Jugendlichen gewesen. „Die Kinder und Jugendlichen kommen alle mit großen Belastungen zu uns, oft mit traumatischen Erfahrungen. Und unsere Aufgabe ist es, zu versuchen, diesen Problemen pädagogisch zu begegnen. Denn jedes Kind hat ein Recht, als Individuum und eigene Pesrönlichkeit gesehen und behandelt zu werden“, gab er sozusagen als berufliches Vermächtnis weiter. Auch an seinen Nachfolger, den bisherigen stellvertretenden Leiter, Jörg Wirth, dessen Aufgabe es sein wird, das pädagogische Erbe von Michael Scheuer weiterzuführen und die Jugendhilfe Marienhausen in eine verantwortungsvolle Zukunft zu begleiten.

 

Die Entwicklung der Jugendhilfe Marienhausen seit Anfang der 1990er Jahre in der Verantwortung Michael Scheuers

 

  • 1989-1992: Entwicklung Betreutes Wohnen mit sechs Plätzen in den Räumen der Jugendhilfe Marienhausen, ab 1992 mit den ersten drei Plätzen außerhalb, in Winkel.
  • Ab Sommer 1991: Konzeptionelle und organisatorische Vorbereitungen zur  Gründung der ersten Tagesgruppe. Mit dem Beginn der Tagesgruppe am 03.08.1992 wurden auch die ersten Mädchen, zunächst teilstationär, aufgenommen. 1994 wurde das erste Mädchen in einer stationären Wohngruppe in Marienhausen aufgenommen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Marienhausen nur vier stationäre Wohngruppen und neun Plätze im betreuten Wohnen, ausschließlich für Jungen!
  • 06.09.1993: Eröffnung Außenwohngruppe Eibingen (stationäre Wohngruppe), 1995 Umzug nach Hattenheim
  • 01.10.1995: Eröffnung Tagesgruppe Hattenheim
  • 2002: Auslagerung von zwei stationären Wohngruppen aus Marienhausen in den Rheingau
  • 2009: Eröffnung einer Kindergruppe in Stephanshausen
  • 2010 bis 2016: Start und Erweiterung des Angebotes des Trainingswohnens für Jugendliche auf 35 Plätze
  • November 2015: Aufnahme von rund 40 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in der Jugendhilfe Marienhausen, Betreuung von November bis April 2016 zunächst in der eigens dafür angemieteten Jugendherberge in Rüdesheim
  • 01.08.2015: Eröffnung der Außenwohngruppe Winkel als Gruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Heute reguläre stationäre Wohngruppe der Jugendhilfe.

 

 

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